Tabakkonsum
In Brasilien beträgt der Anteil der Raucher über 15 Jahre 15,7 %, während der Anteil der Raucherinnen über 15 Jahre 8,7 % beträgt. Der Anteil jugendlicher Raucher*innen im Alter von 13 bis 15 Jahren liegt bei 5 %.[1] Jährlich sterben 161.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Das sind täglich etwa 440 Menschen.[2] Die wirtschaftlichen Kosten des hohen Tabakkonsums werden auf jährlich etwa 153 Mrd. brasilianische Reais geschätzt (etwa 29,8 Mrd. US-Dollar).[3]
Tabakanbau
Tabakanbau hat in Brasilien eine lange Tradition, die bis in die Kolonialzeit zurück reicht.[4] Laut FAO werden auf über 331.000 Hektar Land rund 650.000 Tonnen Tabak geerntet (Stand 2024). Dies macht Brasilien zum größten Tabakproduzenten Lateinamerikas und zum drittgrößten weltweit (nach Indien und China). Gleichzeitig ist Brasilien der größte Tabakexporteur weltweit.[5] Der Großteil des Tabakanbaus konzentriert sich im Süden des Landes (Rio Grande do Sul, Parana und Santa Catarina).[6] Die Arbeitsbedingungen auf den Tabakfeldern sind hart: Farmer*innen arbeiten mit hochgiftigen Pestiziden und erkranken oft an der Grünen Tabakkrankheit aufgrund fehlender Schutzkleidung.[7] Zudem wird immer wieder nachgewiesen, dass Kinder und Jugendliche unter ausbeuterischen Bedingungen im Tabaksektor arbeiten.[8] Die Mehrheit der Tabak anbauenden Familien ist vertraglich an große (Roh-)Tabakkonzerne gebunden. Sie erhalten Saatgut, Dünger und Pestizide auf Kredit und verpflichten sich, die gesamte Ernte an die Vertragsfirma zu verkaufen. Diese bestimmt nach der Ernte die Qualität und damit den Preis des Tabaks. So sind für die Tabakindustrie hohe Profite durch eine beständige Produktion bei niedrigen Preisen und äußerst hoher Qualität garantiert. Die Anbaurisiken tragen jedoch die Bauern und Bäuerinnen. Sie geraten in einen Schuldenkreislauf.[9]
Im Anschluss an die Ratifizierung des WHO-Tabakrahmenabkommens (WHO FCTC) hat die Brasilianische Regierung das Nationale Diversifizierungsprogramm (Programa Nacional de Diversificação em Áreas Cultivadas com Tabaco) ins Leben gerufen. Diese staatliche Initiative unterstützt Tabakfarmer*innen dabei, auf alternative Einkommensquellen und Nutzpflanzen umzusteigen, um ihre Abhängigkeit von großen Tabakkonzernen zu verringern.[10] Ins Programm eingebunden sind Organisationen wie die Fundação Luterana de Diaconia (FLD) oder CEPAGRO, die Farmer*innen beim Umstieg zu ökologischer Landwirtschaft z.B. mit Schulungen und Beratung unterstützen. Viele der teilnehmenden Farmer*innen kommen aus dem Tabakanbau.[11]
Tabakindustrie
Der gesamte Tabakmarkt vom Anbau bis zum Verkauf von Tabakprodukten wird in Brasilien von einigen wenigen Konzernen bestimmt. Dominierend ist British American Tobacco Brasil (vormals Souza Cruz) mit einem Anteil von 71,4 % am gesamten Markt.[12] Die Industrie versucht dementsprechend stark, Einfluss auf die brasilianische Tabakpolitik zu nehmen. Über von der Tabakindustrie finanzierte Institute wie das Instituto Brasileiro de Ética Concorrencial (ETCO) versucht sie, Gesetze zur Tabakkontrolle zu verhindern und Argumente der Tabakindustrie zu verbreiten. Hervorzuheben sind hierbei Treffen dieses Instituts mit Minister*innen und hochrangigen Politiker*innen.[13] Brasilien ist Vertragspartei des WHO-Tabakrahmenabkommens (WHO FCTC), welches solche Treffen untersagt. Trotzdem versuchten Vertreter*innen der Tabakindustrie im Vorfeld der 9. Vertragsstaatenkonferenz zur WHO FCTC (COP 9), die brasilianischen Positionen für die Verhandlungen zu beeinflussen, um „sicherzustellen, dass die Regierung die Standpunkte der Tabaklieferkette gebührend berücksichtigt und Maßnahmen ergreift, um zu gewährleisten, dass die COP 9 ihren Interessen keinen Schaden zufügt“.[14]
Nichtsdestotrotz hat Brasilien mehrere Gesetze verabschiedet, mit dem Ziel, den Tabakkonsum zu reduzieren. Seit 2011 gilt in Brasilien beispielsweise ein Rauchverbot in allen geschlossenen Räumen, jegliche Werbung in sozialen Medien und im Fernsehen wurde verboten und im öffentlichen Raum ist das Rauchen – bis auf ausdrücklich ausgewiesene Raucherplätze – untersagt.[15] Die ergriffenen Maßnahmen zeigen Erfolg: Während im Jahr 2000 noch 23,3 % aller Erwachsenen über 15 täglich rauchten sind es im Jahr 2025 nur noch 12,8%.[16]
Organisationen für Tabakkontrolle
ACT Promoção da Saúde ist eine führende brasilianische Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich für die öffentliche Gesundheit einsetzt. Ursprünglich als Allianz zur Tabakkontrolle gegründet, hat sie ihr Spektrum auf weitere Risikofaktoren für nicht-übertragbare Krankheiten erweitert und arbeitet z.B. auch zu Alkoholkontrolle und gesunder Ernährung. Die Organisation setzt sich für höhere Tabaksteuern, Einheitsverpackungen und den Schutz der Bevölkerung vor Tabakrauch ein.[17] Im Jahr 2023 erhielt die Organisation den WHO World No Tobacco Day Award.[18]
Bevölkerung
211,9 Mio. Einwohner*innen (2024)
Human Development Index Rang
Platz 84 von 193 (2023)
Welthunger-Index
Platz 34 von 123 (2025)
Bruttonationaleinkommen
9.930 US-Dollar pro Kopf (2024)
Status WHO-Tabakrahmenkonvention (FCTC)
Unterzeichnet und ratifiziert
Tabakanbaufläche
331.730 Hektar (2024)
Raucher
15,7% (2023)
Raucherinnen
8,7% (2023)
jugendl. Raucher*innen
5,0 % (Zigaretten; 13-15 Jährige; 2019)
Quellen
Weltbank, HDI, GHI, FAO, WHO