Die Idee, Unternehmen in die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) einzubinden liegt im Trend, aber bisher gibt es nur wenig systematische Analysen dazu. Wie engagieren sich Unternehmen für die SDGs? Welche Art von Engagement ist wünschenswert und wo liegen die Grenzen?

Die neu veröffentlichte Analyse „Highjacking the SDGs? The Private Sector and the Sustainable Development Goals“ (deutsche Übersetzung ist in Bearbeitung) bietet einen Anfangspunkt für eine Debatte zu Unternehmen und nachhaltiger Entwicklung. Die Studie wurde in einer öffentlichen Veranstaltung am 4. Juli 2018 in Berlin präsentiert und wurde vom Forum Umwelt und Entwicklung, dem Global Policy Forum, Misereor, Brot für die Welt und Unfairtobacco herausgegeben.

Interessanterweise gehören Tabakkonzerne zu den frühzeitigen Anwendern der SDG-Rhetorik. Deshalb enthält die Analyse eine Fallstudie zur Tabakindustrie, die darstellt, wie Zigarettenkonzerne die SDGs als Teil einer breit angelegten Strategie zur Verhinderung von Regulierung nutzt. Die Fallstudie wurde von unserer Politikberaterin Laura Graen geschrieben.

Tabak – eine Bürde für nachhaltige Entwicklung

Die Regulierung der Tabakindustrie ist Teil der Agenda 2030 und explizit in SDG 3 (Gesundheit) genannt. Aus gutem Grund, wenn man bedenkt, dass mehr als 7 Millionen Menschen jedes Jahr infolge suchterzeugender Tabakprodukte sterben. Tabakbedingte Erkrankungen sind die häufigste vermeidbare Todesursache durch nicht übertragbare Krankheiten (NCDs). Die Reduktion der globalen Tabakprävalenz würde daher signifikant zu SDG 3.4 beitragen, das eine Reduzierung der frühzeitigen Todesfälle durch NCDs um ein Drittel vorsieht.
Tabakkontrolle ist zusätzlich für die Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung weit über das Gesundheitsziel hinaus bedeutend: Sie kann helfen, Armut und Hunger zu stoppen, reduziert Berufskrankheiten und -unfälle (Passivrauchen am Arbeitsplatz verursacht jedes Jahr weltweit 433.000 Todesfälle), trägt zu Bildung bei, schützt die Umwelt und kann durch Tabaksteuern Milliarden von Dollar für die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung beschaffen.

Interne Industriedokumente zeigen, dass Tabakkonzerne seit Jahrzehnten wussten, dass sie ein Produkt verkaufen, das bei bestimmungsgemäßem Gebrauch tötet, während sie die Regierungen und die Öffentlichkeit über die Sicherheit von Zigaretten beruhigten. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Unternehmen, Tabak nur an erwachsene Raucher*innen zu vermarkten, zielt die Industrie mit ihren Marketingkampagnen auf Kinder und Jugendliche als „Ersatzraucher“. Für Jahrzehnte haben Tabakkonzerne die Bemühungen der Weltgesundheitsorganisation und von Regierungen überall auf der Welt zur Eindämmung des Tabakkonsums untergraben, indem sie manipulierte Studien, offenes und subversives Lobbying, Frontgruppen und CSR-Projekte sowie Drohungen und Klagen vor nationalen Gerichten oder Investor-Staat-Schiedsgerichten einsetzten.

Aus der Erfahrung, dass die Tabakindustrie große Anstrengungen unternimmt, um Regulierung zu verzögern oder zu schwächen, enthält das WHO-Tabakkontrollabkommen FCTC – dessen Umsetzung Teil von SDG 3 ist – eine Bestimmung, die die Interaktion zwischen Industrieakteuren und öffentlichen Einrichtungen auf das absolut notwendige Mindestmaß zur Regulierung einschränkt und CSR-Projekte und Partnerschaften mit der Tabakindustrie verurteilt.

Die Industrie nutzt die SDGs als Verschleierungtaktik

Die Fallstudie stellt dar, wie sich Tabakunternehmen in die SDGs einbringen und wie sie sie als Verschleierung für alte Strategien nutzen. Rhetorisch unterstützen alle vier multinationalen Tabakfirmen die SDGs. Imperial Brands erwähnt sie in seinem Jahresbericht 2017 für Investoren und kündigt eine Überprüfung des CSR-Programms in Bezug auf die SDGs an. British American Tobaccos Konzernchef Nicandro Durante erkennt „eine klare Übereinstimmung zwischen den SDGs und unseren eigenen Nachhaltigkeitsprioritäten“. Japan Tobacco International nutzte die SDGs wiederum, um die WHO anzugreifen. Und in einer Pressemitteilung begrüßt der Zigarettenkonzern Philip Morris International die Verabschiedung der SDGs, ohne jedoch zu erwähnen, dass das Tabakkontrollabkommen FCTC, das der Konzern mit allen Mitteln bekämpft, Teil dieser Ziele ist.

Neben Rhetorik und CSR-Projekten bleibt die Frage: Verändert die Tabakindustrie die Strategien ihres Kerngeschäfts? Klar ist, ihre größte Wirkung für eine nachhaltige Entwicklung liegt in der öffentlichen Gesundheit. Alle vier Konzerne haben damit begonnen, die „gesundheitlichen Bedenken im Zusammenhang mit dem Rauchen“ zuzugeben, in der Regel gepaart mit dem Lob auf ihre E-Zigaretten oder Tabakerhitzer-Produkte (deren Unschädlichkeit bislang noch nicht erwiesen ist). Dennoch geben die Konzerne weiterhin nicht zu, dass sie für Millionen von Todesfällen verantwortlich sind, in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft, in der sie weiterhin Zigaretten verkaufen. Tatsächlich verkaufen alle vier Unternehmen nicht nur weiterhin brennbare Tabakprodukte, für die sie den Löwenanteil ihrer Werbebudgets ausgeben, sondern erweitern ihre Märkte dafür in Fläche und Größe.

Laura Graens Zusammenfassung der Fallstudie ist daher:
„Die größte Wirkung, die die Tabakindustrie für die Erreichung der SDGs haben kann, ist die sofortige Einstellung des Marketings und anschließend auch des Verkaufs von Zigaretten und anderen schädlichen Tabakprodukten. Aber sie machen einfach weiter wie bisher. Das hat nichts mit nachhaltiger Entwicklung zu tun, außer mit nachhaltiger Entwicklung für die Firmenprofite.“

Die Studie ist frei verfügbar

In einem umfangreichen Einleitungskapitel – geschrieben von Marie-Luise Abshagen vom Forum Umwelt und Entwicklung und Anna Cavazzini von Brot für die Welt – analysiert die Studie unternehmerisches Engagement in den SDG-Prozessen im Allgemeinen und gibt Empfehlungen für Firmen, politische Entscheidungsträger*innen und die Zivilgesellschaft. Die Studie enthält außerdem eine Fallstudie zum Finanzsektor, die von Wolfgang Obenland vom Global Policy Forum geschrieben wurde. Die Fallstudie diskutiert potentielle Quellen für die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung (z.B. sog. „green bonds“ oder „SDG bonds“) und die Defizite eines unter-regulierten Finanzsektors.

Dies ist nur eine Zusammenfassung der Studie. Für die tiefere Analyse und Quellenangaben laden Sie bitte hier die Studie herunter oder bestellen Sie ein gedrucktes Exemplar. Die deutsche Übersetzung wird in wenigen Wochen erscheinen und dann hier zur Verfügung gestellt.

Die größte Wirkung, die die Tabakindustrie für die Erreichung der SDGs haben kann, ist die sofortige Einstellung des Marketings und anschließend auch des Verkaufs von Zigaretten und anderen schädlichen Tabakprodukten. Aber sie machen einfach weiter wie bisher. Das hat nichts mit nachhaltiger Entwicklung zu tun, außer mit nachhaltiger Entwicklung für die Firmenprofite.
Highjacking the SDGs? The Private Sector and The Sustainable Development Goals. Kostenfreier Download (siehe Link unter dem Text). © von Brot für die Welt -Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V.