Talvez morrerei cedo - Maybe I will die young
Philip Morris International änderte seine Werbebotschaft und spricht nun nicht mehr alte weiße Männer an, sondern gezielt junge Menschen.
Zum ArtikelIm November 2025 trafen sich die Vertragsstaaten des WHO Tabakrahmenabkommens (WHO FCTC) zur COP11-Konferenz1 in Genf, um weiter über die Ausgestaltung des globalen Gesundheitsvertrags zu diskutieren. Zwei Wochen später trafen sich Expert*innen aus den Bereichen Gesundheit und Sucht zum Austausch auf der 23. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle in Heidelberg. Bei beiden Konferenzen wurden wichtige Themen für die Zukunft angesprochen: Jugendbeteiligung, Umwelt– und Klimafolgen, Finanzierung von Tabakkontrolle, Einflussnahme der Tabakindustrie, internationale Kooperation. Wir werfen einen Blick darauf.
An der WHO FCTC Staatenkonferenz COP11 in Genf nahmen erneut Jugendorganisationen, die über 1,5 Millionen junge Menschen repräsentierten, an den Verhandlungen teil. Als Teil der Zivilgesellschaft organisierten sie eigene Veranstaltungen, teilten Ihre Erfahrungen und Erkentnisse, sprachen auf der Bühne eines öffentlichen Plenums, leisteten starke, fundierte Beiträge und hielten eine beeindruckende gemeinsame Abschlussrede.
WHO FCTC COP11, Closing Session, Item 9
Um Maßnahmen der Tabakkontrolle erfolgreich auszugestalten, braucht es mehr denn je die Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Deshalb forderte die Delegation der jungen Menschen, dass ihre Beteiligung an diesem Prozess fest eingerichtet und finanziert wird und dass sich die Beteiligung nicht nur auf die Teilnahme an COP-Verhandlungen beschränkt. Davon hängt die Zukunft der Konvention ab.
In die Zukunft weisen auch die Debatten rund um die Umwelt- und Klimafolgen von Tabak- und Nikotinprodukten. Mit WHO FCTC Artikel 18 haben sich die Vertragsstaaten dazu verpflichtet, diese Folgen zu reduzieren und die Umwelt zu schützen. Im Kern bedeutet dies nicht nur, die Produktionsbedingungen zu verbessern, sondern auch das Angebot an Produkten zu verringern.
Im Vorfeld war in Deutschland zunächst selektiv über jene Maßnahme berichtet worden, die das größte Potenzial für Empörung hatte: eine Abschaffung von Filtern bzw. Filterzigaretten würde gefordert, so hieß es. In einem Radio-Interview bekräftigten wir die negativen Umweltfolgen von Zigarettenkippen und erklärten, dass es sich um Expertenvorschläge für Maßnahmen handelt und in der COP11-Konferenz darüber diskutiert wird.
Die Vertragsstaaten verständigten sich schließlich darauf, dass sie sich intensiver um den Umweltschutz im Bereich Tabak kümmern sollten. Beispielsweise könnten sie mehr über Umweltzerstörung durch Tabakprodukte aufklären. Sie könnten Tabakmüll fundierter anhand seiner toxischen Eigenschaften bewerten und mehr dazu forschen. Und sie könnten Greenwashing durch die Tabakindustrie klarer aufdecken.
Keine der Entscheidungen dieser Konferenz ist allerdings mehr als das Papier wert, wenn es nicht ausreichend Finanzmittel gibt, um aktiv zu werden – das ist eine Binsenweisheit. Dennoch geben im aktuellen Bericht zur Umsetzung des globalen Gesundheitsvertrags mehr als zwei Drittel der berichtenden Staaten an, dass sie zu wenig finanzielle Mittel dafür zur Verfügung haben.
Am Ende der Konferenz verabschiedeten die Verhandler*innen die dringende Aufforderung an die Vertragsstaaten, zum einen regelmäßige Erhöhungen der Tabaksteuern (WHO FCTC Art. 6) für eine nachhaltige Finanzierung zu nutzen und zum anderen mehr Mittel auf internationaler Ebene (WHO FCTC Art. 26.3) bereitzustellen, um andere Staaten finanziell bei der Tabakkontrolle zu unterstützen.
Auch in Deutschland, wo in den letzten 20 Jahren der Anteil der Tabaksteuer am Zigarettenpreis gesunken ist,2 könnten durch regelmäßige, deutliche Erhöhungen der Tabaksteuern nicht nur Menschen zur Reduzierung des Tabakkonsums angeregt, sondern damit auch finanzielle Mittel für eine umfassende Tabakkkontrollpolitik generiert werden.
Doch die Versuche, Tabaksteuern so deutlich zu erhöhen, dass sie eine gesundheitspolitische Wirkung haben, scheiterten in den letzten Jahren. Das lag nicht zuletzt an den noch immer engen Kontakten der Tabakindustrie und ihrer Lobbygruppen in die Politik.
Weltweit gilt die Einflussnahme der Tabakindustrie als ein wesentliches Hindernis, Tabakkontrolle umfassend zu erreichen. Das gaben im Vorfeld der Verhandlungen die Hälfte aller berichtenden Vertragsstaaten an. Und so warnte die WHO im Herbst vor den medialen Kampagnen der Tabaklobby und ermahnte die Vertragsstaaten zur besonderer Vorsicht. Denn die Interessen der Tabakindustrie stehen im eindeutigen Gegensatz zu den Zielen des globalen Gesundheitsvertrags. Deshalb haben sich die Vertragsstaaten mit Artikel 5.3 dazu verpflichtet, ihre gesundheitspolitischen Maßnahmen vor dem Einfluss der Tabakindustrie zu schützen.
Im aktuellen Globalen Index zur Einflussnahme der Tabakindustrie belegt Deutschland den unrühmlichen 68. Platz von 100 Ländern. Diese Erkenntnis ließ sich auch auf der 23. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle (DKT) im Dezember in Heidelberg gut nachvollziehen. Dort wurde der Tabaklobby-Index für Deutschland vorgestellt und zahlreiche Vorträge widmeten sich den verschiedenen Strategien der Tabakindustrie, ihre Profite zu sichern und zu vergrößern, z.B. auch durch die Mitwirkung der Tabaklobby in der Kommission zum Einwegkunststofffonds.
Auf der 23. DKT luden wir zu einem Symposium mit Expert*innen aus dem Globalen Süden ein. Wir gingen der Frage nach, wie und ob Tabakkontrolle dort erfolgreich gestaltet werden kann, wo die Bereiche Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesundheit konkurrieren. Bangladesch und Sambia sind beide WHO FCTC-Vertragsstaaten und beliefern Deutschland mit Rohtabak. Sie haben erhebliche Auslandsschulden zu tilgen und benötigen dafür Devisen, die u.a. auch durch den Export von Rohtabak erwirtschaftet werden.
Iqbal Masud (Dhaka Ahsania Mission) berichtete aus Bangladesch, dass die Interimsregierung der Einflussnahme durch die Tabakindustrie wenig entgegen zu setzen hat. Dort wurde sogar die Steuer auf Tabakexporte als staatliche Einnahmequelle abgeschafft. Das Ziel Bangladesch tabakfrei 2040 wird offiziell zwar weiter verfolgt, allerdings werden notwendige politische Entscheidungen in die Länge gezogen, wie z.B. die Erhöhung von Tabaksteuern oder die Regulierung von elektronischen Nikotinprodukten.
Brenda Chitindi (Tobacco-Free Association of Zambia) zeigte anhand verschiedener Beispiele, wie in Sambia die Gesetzgebung zur Tabakkontrolle seit etwa 15 Jahren auf der Stelle tritt und zwischen beteiligten Ministerien hin- und hergeschoben wird. Die Tabakindustrie hat dieses Land als ein wesentliches Standbein für ihre Geschäfte im südlichen Afrika ausgemacht. Mehrere Fabriken zur Tabakverarbeitung und Zigarettenherstellung wurden mit staatlichem Segen eröffnet. Und die Tabakproduktion steigt derzeit deutlich. Außerdem soll eine Fabrik in Sambia die Düngemittel für den Tabakanbau in den sogenannten T5 liefern. T5 – so nennt die Tabakindustrie fünf Tabakanbauländer im südlichen Afrika: Malawi, Mosambik, Sambia, Simbabwe und Tansania.
Was also tun, wenn die Tabak- und Nikotinindustrie mit altbekannten Strategien in neuen Kleidern aufwartet und politische Entscheider*innen durch ihre Lobbyarbeit beeinflusst werden?
Wir wollen die Machenschaften der Tabak- und Nikotinindustrie weiter im Blick behalten und öffentlich bekannter machen.
Wir wollen Kinder und Jugendliche dazu befähigen, selbst herauszufinden, mit welchen Methoden sie zum Konsum von Tabak- und Nikotinprodukten gedrängt werden sollen und wie sie sich dagegen wehren können.
Wir wollen unsere Partner*innen im Globalen Süden solidarisch in ihren Aktivitäten für eine tabakfreie Welt begleiten und sie mit Öffentlichkeit unterstützen.
"Junge Menschen sind nicht nur eine Zielgruppe. Wir sind auch Expert*innen und Aktivist*innen und wir treiben die Tabakkontrolle voran." Jugend-Delegation bei der WHO FCTC COP11
Livestream WHO FCTC COP11 (Closing session = item 9)
Radio-Interview zur WHO FCTC COP11
Downloads
Strategie Deutschland tabakfrei 2040
Index zur Einflussnahme der Tabakindustrie in Deutschland 2025
Vorträge (23. DKT)
Iqbal Masud, Dhaka Ahsania Mission, Bangladesch
Successes and challenges for a tobacco-free Bangladesh 2040
Brenda Chitindi, Tobacco-Free Association of Zambia, Sambia
The Battle for a Tobacco Control Act in Zambia